Geduld und Gleichmut



Geduld ist die ausdauernde Fähigkeit, Gegensätze (d.h. Schmerz- und Freudvolles) zu ertragen (v.a. ohne die Reaktionen wie Murren, Kränkung, Traurigkeit, Widerstand, oder auch nur den Gedanken an Vergeltung).

Sie führt zum Gleichmut, einem andauernden Zustand von Ruhe durch Nichtanhaften des Geistes. Wir können alles sehen und annehmen, wie es ist.

Mentales und körperliches Leid ist die Folge vergangener Handlungen. Das Ertragen (Akzeptanz) von Leid, dieses Durchhaltevermögen nennt man Geduld.

Für eine Person, die nach Selbsterkenntnis strebt, ist Geduld die stärkste Rüstung. Sie wird von keinem Pfeil durchbohrt.

Nur wenn jemand Geduld besitzt, gelingt es, enthaltsam und gewaltlos zu sein, Menschen der Verehrung zu achten und Vorwürfe, Einwände und Anschuldigungen von anderen zu ertragen.

Unter allen Methoden ist die Geduld die beste, weil dadurch alle Hindernisse überwunden werden.

All jene ohne Geduld werden vom Wind der Hindernisse fortgetragen, so wie die Blätter der Bäume, die zu Boden fallen. Sarva Vedanta Siddhanta Sara Sangraha XI

Shankara

Die Notwendigkeit des Abstandnehmens


Es fällt ein Wort, und wir nehmen uns nicht die Zeit, seinem Sinn nachzuspüren; wir ziehen sofort voreilige Schlüsse. Das deutet auf eine Schwäche des Denkorgans hin. Jetzt werden Sie den Begriff der Zügelung verstehen. Je schwächer ein Mensch ist, um so weniger wird er sich zügeln können. Machen Sie stets bei sich, zur Selbstprüfung, die Probe darauf. Wenn Sie im Begriff stehen, sich zu ärgern oder sich unglücklich zu fühlen, dann denken Sie darüber nach, wieso es kommt, dass z.B. irgendeine Nachricht, die Sie erhielten, den Geist in Gedankenwellen stürzt. Raja-Yoga: Der Pfad der Konzentration, Phänomen Verlag, Hamburg

Vivekananda


Wie also hat man, Anando, im Orden des Heiligen die Sinne in höchster Gewalt?
Da hat, Anando, ein Mönch mit dem Auge eine Form gesehn, und wird angenehm bewegt, wird unangenehm bewegt, wird angenehm und unangenehm bewegt. Und er erkennt: ‚Bewegt worden bin ich da angenehm, bewegt worden unangenehm, bewegt worden angenehm und unangenehm: das aber ist zusammengesetzt, ist grob geartet, bedingt entstanden; es gibt eine Ruhe, es gibt ein Ziel, und zwar den Gleichmut.’
Und das angenehm bewegt sein, unangenehm bewegt sein, angenehm und unangenehm bewegt sein hört bei ihm auf, der Gleichmut hält an. Majjhima Nikaya 152

Buddha

Dennoch ist nicht alles gleich...

Und wenn man von Gleichheit spricht, so meint man nicht, dass man alle Werke als gleich erachten solle oder alle Stätten oder alle Leute. Das wäre gar unrichtig, denn Beten ist ein besseres Werk als Spinnen und die Kirche eine würdigere Stätte als die Straße.
Du sollst jedoch in allen Werken ein gleich bleibendes Gemüt haben und ein gleichmäßiges Vertrauen und eine gleichmäßige Liebe zu deinem Gott und einen gleich bleibenden Ernst. ... wärest du so gleichmütig, so würde dich niemand hindern, deinen Gott gegenwärtig zu haben. Vom Adel der menschlichen Seele, Anaconda Verlag

Meister Eckhart

Gleichmut auch gegenüber positiven Erfahrungen


Dann, eines Tages, während er mir Belehrungen gab und mit mir praktizierte, machte ich eine erstaunliche Erfahrung. Alles, was ich in den Lehren gehört hatte, schien auf einmal mir selbst zu widerfahren - alle materiellen Phänomene um uns lösten sich auf. Ich wurde sehr aufgeregt und stammelte: „Rinpoche, Rinpoche... jetzt passiert es!“ Nie werde ich den Ausdruck des Mitgefühls auf seinem Gesicht vergessen, als er sich zu mir neigte und mich beruhigte: „Es ist schon in Ordnung... Alles ist in Ordnung. Reg dich nicht auf. Am Ende ist es weder gut noch schlecht...“ Staunen und Verzückung hatten mich beinahe davongetragen, aber Dudjom Rinpoche wusste, dass gute Erfahrungen zwar nützliche Meilensteine auf dem Pfad sein können, aber zu Fallen werden, wenn man sie festhalten möchte. Man muss über sie hinaus zu einer tieferen und stabileren Grundlage gelangen. Zu dieser grundlegenden Erdung hatten seine weisen Worte mich geführt. I 4, Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, Knaur Verlag, München
Sogyal Rinpoche


Über schlechte Schüsse sollen Sie sich nicht ärgern, das wissen Sie schon längst. Fügen Sie hinzu, sich über gute Schüsse nicht zu freuen. Von dem Hin und Her zwischen Lust und Unlust müssen Sie sich lösen. Sie müssen lernen, in gelockertem Gleichmut darüber zu stehen, sich also so zu freuen, wie wenn ein anderer und nicht Sie gut geschossen hätte. Auch hierin müssen Sie sich unermüdlich üben - Sie können gar nicht ermessen, wie wichtig dies ist. Zen in der Kunst des Bogenschießens, O.W. Barth Verlag, München

Eugen Herrigel