• Angst und ihre Bewältigung aus spiritueller Sicht


    Am Anfang war diese Welt nur das Selbst in menschlicher Gestalt. Es blickte um sich und sah nur sich selbst. Als erstes sprach es: „Das bin ich.“ Daraus entstand die Bezeichnung „ich“. Deshalb sagt jemand auch heute noch, wenn er angesprochen wird: „Ich bin es“ und nennt dann seinen Namen.
    Es hatte Angst. Deshalb hat man Angst, wenn man allein ist. Da dachte es bei sich: „Da es außer mir nichts anderes gibt, wovor fürchte ich mich dann?“ Daraufhin legte sich seine Angst, denn es gab ja keinerlei Grund dafür. Nur ein Zweites kann Anlass zur Furcht sein.

    Brihadaranyaka-Upanischade


  • Der Mensch mag so tief fallen, wie es überhaupt geht; irgendwann muss eine Zeit kommen, wo er sich aus schierer Verzweiflung aufschwingt und beginnt, an sich zu glauben. Besser für uns ist es jedoch, wenn wir dies von Anfang an wissen. Warum sollen wir erst all diese bitteren Erfahrungen machen, um Selbstvertrauen zu erlangen?
    Furcht ist der größte Aberglaube.
    Wenn es ein Wort gibt, das wie ein Geschoss aus den Upanischaden schießt und die Masse an Nichtwissen zerschmettert, so ist es das Wort „Furchtlosigkeit“. Und die einzige Religion, die gelehrt werden sollte, ist die Religion der Furchtlosigkeit. Ob in dieser Welt oder in der Welt der Religion, die Angst ist die wahre Ursache von Erniedrigung und Sünde. Die Angst ist es, die Not, Tod und das Böse mit sich bringt. Und wodurch wird sie verursacht? Durch die Unkenntnis deiner Wahren Natur. Eine Biographie, Heinrich Schwab Verlag, Argenbühl-Eglofstal

    Vivekananda


  • Euch aber, meinen Freunden, sage ich: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber nicht die Möglichkeit haben, euch darüber hinaus etwas zu tun.12,4

    Lukas-Evangelium


  • Zwischen einer etwas eng aufgefassten humanistischen Psychologie, die nur an den äußeren Symptomen herumdoktert, und einem spirituellen Elite-Denken, das nur noch auf die Erleuchtung fixiert ist, gibt es ein weites Mittelfeld der Angst-Bewältigung – wobei viele Übungen bereits auf die „Erfüllung“, die am Ende winkt, hinweisen. Denn auch alle „kleinen Schritte“ sollten das große Ziel des spirituellen Durchbruchs zum transzendenten Grund nicht aus dem Auge verlieren, denn sonst hängen wir wieder für ewig im „Flachland“ fest, mit unseren kleinen Ängsten und kleinen Bewältigungen. Die normale Politik und die normale Psychotherapie mag damit zufrieden sein, und es klingt ja auch alles so ungeheuer menschlich und praxisbezogen. Aber Hand aufs Herz – ist da nicht eine innere Stimme in uns, die irgendwann einmal genug hat von all den kleinen Schritten und es endlich „wissen“ will – so wie sich Gautama unter den Feigenbaum setzte und sich schwor, nicht eher wieder aufzustehen, als bis er völlig „erwacht“ sein würde?
    X, Der Mut auf den Grund zu gehen, Via Nova Verlag, Petersberg


    Hans Torwesten


  • Wir sehen, wie die ganze Welt allem Schrecklichen zu entkommen sucht. Ich war einmal in Varanasi… Die Affen von Varanasi sind richtige Bestien und manchmal sehr mürrisch. Sie hatten es sich in den Kopf gesetzt, mich auf ihrer Straße nicht passieren zu lassen, und sie brüllten, kreischten und umklammerten meine Beine als ich weiterging. Als sie mich stärker bedrängten, fing ich an zu laufen, doch je schneller ich lief, desto schneller kamen sie heran, und sie fingen an mich zu beißen. Es schien unmöglich zu entkommen, aber genau in dem Moment war da ein Fremder der nach mir rief: „Stell dich den Mistkerlen!“ Ich drehte mich um und trat den Affen gegenüber. Sie wichen zurück und flohen schließlich. Das war eine Lektion für das ganze Leben – stell dich dem Schrecklichen, stell dich ihm unerschrocken! CW I What is Religion?

    Vivekananda


  • Mut oder das Begegnen der Angst

    Die Haltung, die in der Erzählung der 'Affen von Varanasi' beschrieben wird, ist geprägt von körperlicher Ruhe und geistiger Wachsamkeit. Wir sollten stehen bleiben und uns umdrehen...

    Jeder von uns sieht sich von Zeit zu Zeit von seinen persönlichen 'Affen' verfolgt. Wie sollen wir also reagieren in Leid und Bedrängnis? Die Antwort lautet in gewisser Weise: gar nicht. Lassen wir uns weiterhin von ihnen treiben, so erfolgt keine Veränderung unserer Situation. Ein Entkommen gibt es nicht, denn sie sind das Produkt unserer eigenen Sicht, die sich durch die Erfahrungen aus unserer Vergangenheit geformt hat. Das andere Extrem wäre, selber den 'Affen' nachzujagen, sie zu analysieren, sich also mit seinen Problemen verrückt zu machen und daran zu verzweifeln. Doch spätestens nach einem körperlichen Zusammenbruch wird klar, dass sich die Problemsubstanz auch auf diese Weise nicht verändern lässt. Es ist daher von äußerster Wichtigkeit uns klarzumachen, dass keine Notwendigkeit besteht, irgendeinen Schritt zu tun – weder zurück noch nach vorne.

    Das ist Ertragen im positiven Sinn, ohne Verbissenheit oder Verdrängung. Und obwohl dieses beständige, ruhige Ausharren im



  • Angesicht des 'Schrecklichen' einem Menschen alles abverlangen kann, ist es wahrhaft und natürlich. Es ist die Art, wie wir uns selbst ernst nehmen ohne zu problematisieren (sich 'ernst nehmen' bedeutet auch, den Körper mit einzubeziehen).

    Wenn wir standhaft bleiben und nicht in bequemere Lagen ausweichen, erschöpfen sich unsere Schwierigkeiten allmählich (s. Kap. 'Psychologi-sche Grundlagen'), und werden zuletzt vollständig verschwunden sein.

    Die Meditationsform, die dieser mittleren Haltung am reinsten entspricht, ist das Gewahrsein auf den Atem. Die beiden zur dauerhaften Einnahme der Haltung notwendigen Tugenden sind Demut und Entschlossenheit.

    Am einfachsten ist es, in einer Gruppe zu üben. Bei scheinbar übergroßen Schwierigkeiten kann es ratsam sein, einen sicheren Ort aufzusuchen, wo man zumindest äußerlich von Konfrontationen und Druck entbunden ist. Ein solches 'Fliehen und Schweigen' ermöglicht eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, in der das Gröbste durchstanden wird. Das schafft Raum und eine grundlegende Stabilität, die man später auch im Alltag aufrechterhalten kann.