• Die Mutter in der Erziehung


    Ohne Zweifel verlangt es viel Geduld, um für ein Kleinkind zu sorgen. Aber diese Geduld ist niemals verschwendet; Geduld ist ein Werdeprozess, der die Seele kostbar werden lässt. Seelen, die über die Begrenzung, die Falschheit der Welt hinausgewachsen sind, vermochten es, weil sie Geduld gelernt hatten. Es ist die Bestimmung der Mutter, Geduld zu lernen. Sie muss wissen, dass sie dabei nichts verliert, sondern etwas für ihr eigenes Leben gewinnt. Für ein Kleinkind da zu sein, dafür zu sorgen, es zu erziehen, ist eine genau so wertvolle Arbeit, wie die eines geistigen Schülers. Der geistige Schüler vergisst sich selbst in der Meditation – eine Mutter vergisst sich selbst in der Sorge für ihr Kind. Erika Lorenz, Texte zum Nachdenken, Herder-Verlag, Freiburg

    Hazrat Inayat Khan

  • Eine [der wichtigen sozialen Veränderungen dieses Jahrhunderts] ist die Emanzipation und der Aufstieg der Frau. Das an sich sollte eine willkommene Entwicklung und kein Problem sein. Doch in Wirklichkeit hat es zur Schwächung der Familienbande und besonders im Westen zum faktischen Verfall der sozialen Struktur geführt. Der Grund für diesen Zustand ist klar genug: Weiblichkeit wird im Westen nicht mit Mutterschaft gleichgesetzt, und so hat der Aufstieg der Frau nicht zu einer entsprechenden Erhöhung der Mutterschaft geführt. Zweifellos ist jedoch das existierende [indische] patriarchalische System in der entstehenden sozialen Struktur als zusammenhaltende Kraft unzulänglich.
    "Innere Sicherheit entsteht aus dem Wissen, dass man bedingungslos geliebt wird", sagt Erich Fromm. Diese bedingungslose Liebe kann nur eine Mutter schenken. Die mütterliche Fürsorge für den hilflosen Säugling, besonders in seinen ersten Lebensjahren, hängt nicht von irgendwelchen moralischen oder sozialen Verpflichtungen des Kindes ab; es gibt nicht einmal die Verpflichtung, ihre Liebe zu erwidern.

    [Die] Verherrlichung der Mutterschaft sollte die Augen von Mann und Frau für die entscheidende Rolle öffnen, die die Mutter im individuellen und kollektiven Leben spielt, und für die notwendige Kultivierung bedingungsloser Liebe in zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie weist
  • auf die Notwendigkeit der Neuorganisierung des Familienlebens hin und auf einen Wandel im Verhalten der modernen Frau in der heutigen Gesellschaft.

    Bhajanananda


  • Meine Mutter starb, als ich fünf Jahre alt war. Ich kann mich nur noch dunkel an sie erinnern. Doch ich glaube, dass ihr Einfluss auf die Bildung meiner Seele überaus groß war.
    Der Ausdruck ihres Gesichtes lobte, strafte und liebte. Ihre Blicke schienen stets besorgt oder fürsorglich auf uns zu ruhen. Sie waren ihr wichtigstes Erziehungsmittel. Ich sehe meine Mutter aus dem Blickwinkel des fünfjährigen Kindes. Sie ist neben mir nicht alt geworden. Ich habe keinen Wandel der Beziehungen zu ihr erlebt... Dafür weiß ich sehr genau, was die Mutter dem fünfjährigen Kind bedeutet. Die Mutter ist ihm die Mitte der Welt. Sie steht am Anfang des Daseins. Das Kind bildet mit ihr eine Einheit, die nur unter Gefahr für sein Leben aufgelöst oder ganz zerstört werden kann.
    Es steht außer Frage, dass diese Bindung die Basis unserer ganzen persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung ist. Bekenntnisse, SOS-Kinderdorf

    Hermann Gmeiner

  • Genau gesagt: will man, dass die Erziehung ihre größtmögliche Wirkung hat, so muss man schon vor der Geburt mit ihr beginnen; und in diesem Fall ist es die Mutter selbst, die sie vornehmen muss, und zwar in zweifacher Weise: einmal muss sie die Erziehung auf sich selbst richten, auf ihre eigene Vervollkommnung, zum anderen auf das Kind, dem sie gerade einen Körper bildet. Denn es ist ja gewiss, dass die Natur des Kindes, das geboren werden wird, ganz erheblich von der Mutter abhängt, die es formt, von ihrer aufstrebenden Sehnsucht und ihrem Willen, ebenso wie von der äußeren Umgebung, in der sie lebt. Darüber zu wachen, dass die Gedanken immer schön und rein sind, die Gefühle edel und gut, die materielle Umgebung so harmonisch wie nur möglich, in großer Einfachheit – dies ist der Teil der Erziehung, der sich auf die Mutter selbst richtet; und wenn sie dazu noch den bewussten und klaren Willen hat, das Kind nach dem höchsten Ideal zu formen, das sie im Herzen trägt, dann sind damit die besten Bedingungen gegeben, damit das Kind mit dem Höchstmaß an Möglichkeiten auf die Welt kommt. Wie viel schwere Anstrengungen und unnötige Komplikationen können so vermieden werden! Über Erziehung, Sri Aurobindo Ashram, Pondicherry
    Mira Alfassa