• Außen ist nicht alles gleich…

    Und wenn man von Gleichheit spricht, so meint man nicht, dass man alle Werke als gleich erachten solle oder alle Stätten oder alle Leute. Das wäre gar unrichtig, denn Beten ist ein besseres Werk als Spinnen und die Kirche eine würdigere Stätte als die Straße.
    Du sollst jedoch in allen Werken ein gleich bleibendes Gemüt haben und ein gleichmäßiges Vertrauen und eine gleichmäßige Liebe zu deinem Gott und einen gleich bleibenden Ernst. ... wärest du so gleichmütig, so würde dich niemand hindern, deinen Gott gegenwärtig zu haben.

    Meister Eckhart
  • „Vater, sage mir ein Wort! Wie kann ich das Heil erlangen?“ Der Greis belehrte ihn: „Sieh hin zum Grabmal, und höhne die Toten.“ Der Bruder ging also hin, verhöhnte und warf mit Steinen. Da sprach der Greis zu ihm: „Gehe morgen wieder hin und lobe sie!“ Der Bruder ging hin und lobte sie und sprach: „Apostel, Heilige, Gerechte!“
    Und er fragte ihn: „Haben sie nichts geantwortet?“ Der Bruder antwortete: „Nein!“ Da belehrte ihn der Greis: „Du weißt, wie sehr du sie geschmäht hast, und sie antworteten dir nicht – und wie viel du sie gelobt hast, und sie haben nichts zu dir gesagt. So musst auch du sein, wenn du das Heil erlangen willst. Werde ein Leichnam, beachte weder das Unrecht der Menschen noch ihr Lob – wie die Toten, und du wirst gerettet werden!“ Sartory, Lebenshilfe aus der Wüste, Herder-Verlag, Freiburg

    Wüstenväter


  • Wie also hat man, Anando, im Orden des Heiligen die Sinne in höchster Gewalt? Da hat, Anando, ein Mönch mit dem Auge eine Form gesehn, und wird angenehm bewegt, wird unangenehm bewegt, wird angenehm und unangenehm bewegt. Und er erkennt: ‚Bewegt worden bin ich da angenehm, bewegt worden unangenehm, bewegt worden angenehm und unangenehm: das aber ist zusammengesetzt, ist grob geartet, bedingt entstanden; es gibt eine Ruhe, es gibt ein Ziel, und zwar den Gleichmut.’ Und das angenehm bewegt sein, unangenehm bewegt sein, angenehm und unangenehm bewegt sein hört bei ihm auf, der Gleichmut hält an. Majjhima Nikaya XV.10

    Buddha


  • Es fällt ein Wort, und wir nehmen uns nicht die Zeit, seinem Sinn nachzuspüren; wir ziehen sofort voreilige Schlüsse. Das deutet auf eine Schwäche des Denkorgans hin. Jetzt werden Sie den Begriff der Zügelung verstehen. Je schwächer ein Mensch ist, um so weniger wird er sich zügeln können. Machen Sie stets bei sich, zur Selbstprüfung, die Probe darauf. Wenn Sie im Begriff stehen, sich zu ärgern oder sich unglücklich zu fühlen, dann denken Sie darüber nach, wieso es kommt, dass z.B. irgendeine Nachricht, die Sie erhielten, den Geist in Gedankenwellen stürzt.
    Raja-Yoga: Der Pfad der Konzentration, Phänomen Verlag, Hamburg


    Vivekananda


  • Dann, eines Tages, während er mir Belehrungen gab und mit mir praktizierte, machte ich eine erstaunliche Erfahrung. Alles, was ich in den Lehren gehört hatte, schien auf einmal mir selbst zu widerfahren - alle materiellen Phänomene um uns lösten sich auf. Ich wurde sehr aufgeregt und stammelte: „Rinpoche, Rinpoche... jetzt passiert es!“ Nie werde ich den Ausdruck des Mitgefühls auf seinem Gesicht vergessen, als er sich zu mir neigte und mich beruhigte: „Es ist schon in Ordnung... Alles ist in Ordnung. Reg dich nicht auf. Am Ende ist es weder gut noch schlecht...“ Staunen und Verzückung hatten mich beinahe davongetragen, aber Dudjom Rinpoche wusste, dass gute Erfahrungen zwar nützliche Meilensteine auf dem Pfad sein können, aber zu Fallen werden, wenn man sie festhalten möchte. Man muss über sie hinaus zu einer tieferen und stabileren Grundlage gelangen. Zu dieser grundlegenden Erdung hatten seine weisen Worte mich geführt.
    I 4, Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, Knaur Verlag, München 


    Sogyal Rinpoche