• Man muss wohl zwei Aspekte der Religion unterscheiden: wahre Religion und Religiosität.

    Wahre Religion
    ist geistige Religion. Sie sucht im Geist zu leben, jenseits des Verstandes, der Ästhetik, des ethischen und praktischen Seins des Menschen, und sie erstrebt, diese Glieder unseres Seins mit dem höchsten Licht und Gesetz des Geistes zu erfüllen und zu lenken.

    Religiosität
    dagegen verschanzt sich hinter enger, pietistischer Erhöhung der niederen Glieder oder misst intellektuellen Dogmen, Formen und Zeremonien, einem festgelegten und strengen Moralkodex, einem religiös-politischen oder religiös-sozialen System, übertriebenen Wert bei.
    Wohl sollten alle diese Dinge keineswegs vernachlässigt werden, da sie nicht im geringsten wertlos oder unnötig sind. Auch sollte eine geistige Religion die Hilfe von Formen, Zeremonien, Glaubenssätzen oder Systemen nicht missachten. Im Gegenteil, die Menschheit bedarf ihrer, da ihre niederen Glieder erschüttert und erhoben werden müssen, ehe sie vergeistigt werden, ehe sie den Geist unmittelbar fühlen und seinem Gesetz gehorchen können. Der denkende und überlegende Verstand bedarf oft einer intellektuellen Formel, einer Form oder Zeremonie für das ästhetische Temperament oder für andere Teile des vorrationalen Seins, eines Moralkodex für die vitale Natur des Menschen in ihrer
  • Hinwendung zu dem inneren Leben. Aber all dies kann nur Hilfe und Stütze sein, ist nicht das Wesen selbst. Eben weil es den rationalen und vorrationalen Teilen zugehört, kann es nichts anderes sein. 

    Stützt man sich allzu sehr auf diese Formen, können sie sogar das überrationale Licht verdunkeln. So, wie sie sind, müssen sie dem Menschen angeboten und von ihm benutzt, nicht aber dürfen sie ihm als einziges Gesetz mit unbeugsamem Willen aufgezwungen werden. Für ihre Anwendung ist Toleranz und Freiheit zu ändern die oberste Regel.
    Der geistige Gehalt der Religion ist das einzige und höchst Notwendige, an dem wir festhalten müssen und dem wir jedes andere Element oder Motiv unterordnen sollten.
    Zyklus der menschlichen Entwicklung, Mirapuri-Verlag, Gauting


    Aurobindo

  • Wir alle kennen jenen unerleuchteten Eifer, der glaubte, alles neu machen zu müssen und die Gebetstraditionen von Jahrhunderten wie alten Plunder beiseite werfen zu können. Dass nicht wenige angesichts dieser inneren Verarmung der Kirche die Kunst der Meditation anderswo suchten und in Techniken der Innerlichkeit abseits der Inhalte des christlichen Glaubens flüchteten, muss zu neuer Besinnung zwingen.

    Die Liturgie vertrocknet, wenn sie sich nicht auf tiefes persönliches Beten stützen kann. Sie wird abstrakt, wenn nicht die inneren Sinne geweckt worden sind, durch die das Hören, Sehen, Schmecken des Geheimnisses aufgeht und Glaube lebendig wird, Fleisch und Blut annimmt. Gerade um dies aber geht es in den seit dem Mittelalter entwickelten Gebetstraditionen. [Anm.: Es folgt der Hinweis auf die Eucharistische Anbetung, die Herz-Jesu-Andacht und den Kreuzweg]Kreuzeslob, Vorwort von 1987, fe-medienverlag, Kisslegg

    Joseph Card. Ratzinger


  • Die Vernachlässigung der Mystik

    Sieht man einmal von jenen mystischen Strömungen ab, die auch die metaphysische und ontologische Spekulation vorantrieben, so ist die Selbst-Ergründung mit dem Ziel der Selbst-Verwirklichung im traditionellen Christentum entweder unbekannt oder verpönt. Die sokratische Aufforderung „Erkenne dich selbst“ wurde nicht gerade zu einer christlichen Pflichtübung. Selbsterforschung meinte hier immer nur Gewissenserforschung, ein eher zerknirschtes Insichgehen.
    Ein göttlicher Grund, der diesen persönlichen Schöpfergott noch transzendiert und zu dem jeder Gläubige einen direkten Zugang hat, ohne priesterliche Vermittlung, kann nicht im Sinne einer Kirche sein, die den Menschen gern in Abhängigkeit hält. Ihr ist ein Petrus, der sich aus den Fluten retten lässt, lieber als ein Buddha, der in seiner eigenen Mitte ruht, oder als ein Mystiker wie Eckhart.
    Der Mut auf den Grund zu gehen, Via Nova Verlag, Petersberg


    Hans Torwesten

  • Das Ungleichgewicht zwischen Außen und Innen

    Die katholische Kirche in Deutschland ist großartig durch ihre sozialen Aktivitäten, durch ihre Bereitschaft zu helfen, wo immer es nottut.
    Dann und wann sagt aber ein afrikanischer Bischof zu mir: ‚Wenn ich in Deutschland soziale Projekte vorlege, finde ich sofort offene Türen. Aber wenn ich mit einem Evangelisierungsprojekt komme, stoße ich eher auf Zurückhaltung.’ Offenbar herrscht da bei manchen die Meinung, die sozialen Projekte müsse man mit höchster Dringlichkeit voranbringen; die Dinge mit Gott oder gar mit dem katholischen Glauben seien doch eher partikulär und nicht so vordringlich. Und doch ist es gerade die Erfahrung dieser Bischöfe, dass die Evangelisierung vorausgehen muss; dass der Gott Jesu Christi bekannt, geglaubt, geliebt werden, die Herzen umkehren muss, damit auch die sozialen Dinge vorangehen; damit Versöhnung werde; damit zum Beispiel Aids wirklich von den tiefen Ursachen her bekämpft und die Kranken mit der nötigen Zuwendung und Liebe gepflegt werden können. Das Soziale und das Evangelium sind einfach nicht zu trennen. Wo wir den Menschen nur Kenntnisse bringen, Fertigkeiten, technisches Können und Gerät, bringen wir zu wenig. Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, München-Riem 2006

    Papst Benedikt XVI
  • Zunächst sollen sie im Garten der heiligen Kirche, dessen Hüter Sie sind, die stinkenden Blumen ausrotten, die voll Schmutz und Gier und vom Stolz aufgebläht sind. Das sind die schlechten Hirten und Hüter, die diesen Garten verpesten und ihn verfallen lassen. Um Gottes willen, gebrauchen Sie Ihre Macht und reißen Sie diese Blumen aus… Ach wie sehr muss man sich schämen, wenn man jene, die ein Vorbild in freiwilliger Armut sein und das Kirchengut an die Armen verteilen sollten, in den Kostbarkeiten, im Pomp und in der Eitelkeit der Welt schwelgen sieht. An den Papst

    Katharina von Siena

  • Man muss die Kirche mit den Augen des Glaubens betrachten, um in ihr die Mitteilung des Heiligen Geistes und das kommende Reich zu erkennen. Hätte der Mönch nicht Augen des Glaubens, wäre er wie ein Gottloser, der in der Kirche nur unnützen Pomp, Heuchelei und Skandale sieht. Jean-Yves Leloup, Worte vom Berg Athos, Ars sacra Müller, München

    Mönche vom Berg Athos