• Erfüllt vom Heiligen Geist, verließ Jesus die Jordangegend. Darauf führte ihn der Geist vierzig Tage lang in der Wüste umher, und dabei wurde Jesus vom Teufel in Versuchung geführt. Die ganze Zeit über aß er nichts; als aber die vierzig Tage vorüber waren, hatte er Hunger. Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot.
    Da führte ihn der Teufel auf einen Berg hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde. Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören. Jesus antwortete ihm: In der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.
    Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich zu behüten; und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, / damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Da antwortete ihm Jesus: Die Schrift sagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.4,1-13
    Lukas-Evangelium


  • Beim Bergsteigen gibt es viele Schwierigkeiten und Gefahren, die verhindern können, dass man den Gipfel erreicht. Beim Aufsteigen kann man von einem großartigen Ausblick verzaubert werden und nicht weitergehen, oder man ist überwältigt von den höheren Regionen und setzt sich hin, um die schneebedeckten Bergspitzen zu bewundern, und vergisst, höher zu steigen. So ist es auch im spirituellen Leben, wenn wir in feinere Bewusstseinsregionen vorstoßen und neue Kräfte des Sehens und Hörens gewinnen. Der Reiz der äußeren Welt vermag uns dann anzuziehen, und eine Gefahr kann entstehen, der alle spirituell Strebenden begegnen. Außerdem gibt es noch die Gefahren der okkulten Kräfte, die uns das letzte Ziel vergessen lassen.
    Rāmakrishna sprach von einem Mann, der sich zuerst spirituell sehr bemühte, dann aber die Kraft entwickelte, sich unsichtbar zu machen. Da sein Herz jedoch nicht rein war, benutzte er diese Kraft für selbstsüchtige Zwecke und führte ein sinnliches Leben. Das Ergebnis war, dass er nach einiger Zeit die Kraft verlor und dazu alles, was er spirituell gewonnen hatte.
    Swami Vivekananda erlangte einmal hellseherische Fähigkeiten. Diese Kräfte kamen ungewollt zu ihm, wie es oft bei spirituell Strebenden geschieht, die auf dem Weg vorankommen. Er berichtete seinem Meister davon, der ihm befahl, mit der Meditation etwas auszusetzen, damit sich der Kanal wieder schließen konnte, der zu psychischen Kräften führt.
  • Mein eigener Lehrer, Swami Brahmananda, erzählte, dass er zeitweise durch die Menschen hindurchsehen und sie beurteilen konnte. Er sah, dass einige Besucher unrein waren, und wollte sie nicht zum Meister vorlassen. Doch Rāmakrishna wollte auch diese Leute sehen, um ihnen helfen zu können. Sein Schüler wurde heftig vom Meister zurechtgewiesen: „Verschwende deine Energie nicht an diese psychischen Kräfte, sondern strebe nach der Wahrheit!“
    Viele beginnen ihr spirituelles Leben mit Aufrichtigkeit, interessieren sich aber später für ungewöhnliche und okkulte Kräfte und verfehlen das Ziel. Abenteuer des religiösen Lebens

    Yatiswarananda


  • Was ist das aber für eine Macht, die mit Wahn bestanden, mit Haften bestanden, ‚nicht heilig’ genannt wird?
    Da hat irgendein Asket oder Priester in heißer Buße, in stetem Kampfe, in ernster Übung, in unermüdlichem Eifer, in tiefer Bedachtsamkeit eine geistige Einigung errungen, wo er innig im Herzen auf mannigfaltige Weise Machtentfaltung an sich erfahren mag: als nur einer etwa vielfach zu werden, und vielfach geworden wieder einer zu sein; oder sichtbar und unsichtbar zu werden; auch durch Mauern, Wälle, Felsen hindurchzuschweben wie durch die Luft; oder auf der Erde auf- und unterzutauchen wie im Wasser; auch auf dem Wasser zu wandeln ohne unterzusinken wie auf der Erde; oder auch durch die Luft sitzend dahinzufahren wie der Vogel mit seinen Fittichen; auch etwa diesen Mond und diese Sonne, die so mächtigen, so gewaltigen, mit der Hand zu befühlen und zu berühren... Das ist eine Macht mit Wahn bestanden, mit Haften bestanden, die ‚nicht heilig’ genannt wird.

    Was ist es nun aber für eine Macht, die ohne Wahn bestanden, ohne Haften bestanden, ‚heilig’ genannt wird? Da kann ein Mönch, wenn er sich wünscht: ‚Widerwärtiges und Unwiderwärtiges, beides will ich von mir weisen und gleichmütig bleiben, besonnen, klar bewusst’, dabei gleichmütig bleiben, besonnen, klar bewusst.
  • Das nun ist eine Macht ohne Wahn bestanden, ohne Haften bestanden, die ‚heilig’ genannt wird. Digha Nikāya 28
    Buddha




    Wir haben hier nur den Umfang der psychischen Kräfte und Möglichkeiten darstellen wollen, die im Menschen liegen. Doch die Suche nach Gott ist ein gerader Weg. Jede Abweichung von diesem Weg, um nach psychischen Kräften usw. zu trachten, ist Verschwendung von Zeit und Energie und ein Hindernis auf dem Weg zum höchsten Lebensziel. Meditation bewirkt nichts Außergewöhnliches. Sie ist nur der Versuch, die natürlichen Bewusstseinszustände bis in die höchsten Dimensionen auszuweiten und seine wahre göttliche Identität zu verwirklichen. Meditation
    Bhajanananda