• Sri Ramakrishna


    Ich habe alle Erfahrungen durchgemacht, die man den Schriften nach haben sollte, wenn man Gott einmal direkt wahrgenommen hat. Ich habe mich verhalten wie ein Kind, wie ein Irrer, wie ein Geist und wie ein lebloses Ding.
    Ich sah das Universum von feurigen Funken erfüllt. Ich sah alle Himmelsrichtungen von Licht glitzern, als wäre die Welt ein See aus Quecksilber.
    Oh, in was für einem Zustand hielt Gott mich damals! Kaum war ein Erlebnis vorüber, wurde ich wieder von einem anderen überfallen.
    Ich sah Gott in der Meditation, im Samādhi-Zustand, und sah denselben Gott, wenn mein Bewusstsein zur äußeren Welt zurückkehrte. VIII, Das Vermächtnis, O.W. Barth Verlag, München


  • Meister: Genug, genug! Was hat es für einen Sinn, darüber zu streiten, ob die Eigenschaften Gottes mit dem Verstand zu erfassen sind oder nicht? Ihr sagt, dass Gott gut ist. Könnt ihr mich durch Beweise von seiner Güte überzeugen? Denkt an die Überschwemmungen, die gerade den Tod von Tausenden verursacht haben. Wie könnt ihr behaupten, dass ein gütiger Gott dies anordnete? Vielleicht werdet ihr antworten, dass die gleichen Überschwemmungen Schmutz und Unrat wegschwemmen, die Erde bewässern usw. Aber konnte ein gütiger Gott das nicht tun, ohne Tausende von unschuldigen Männern, Frauen und Kindern in den Fluten umkommen zu lassen?
    Anhänger: Sollen wir denn annehmen, dass Gott grausam ist?
    Meister: O du Narr, wer sagt das?! Legt Eure Hände zusammen und sagt demütig: ‚O Gott, wir sind zu schwach und einfältig, um Dein Wesen und Dein Wirken zu verstehen. Wolle Du uns gnädig erleuchten!’ Streitet nicht! Liebt!


  • Du fragst mich, warum du keine starke Entsagung besitzt. Es gibt einen Grund dafür: Wünsche und verborgene Neigungen sind in dir. In meiner Gegend müssen die Bauern ihre Reisfelder bewässern. Die Felder sind von niedrigen Wällen umgeben, damit das Wasser nicht wegläuft. Sie bestehen aber aus Lehm und haben manchmal Rattenlöcher. Die Bauern arbeiten sich zu Tode, um Wasser auf die Felder zu bringen. Aber es läuft immer wieder durch diese Löcher weg. Wünsche sind solche Löcher. Du wiederholst zwar Gottes Namen und übst Askese, aber sie verschwinden durch die Löcher deiner Wünsche. Wenn es keine Wünsche mehr gibt, richtet sich das Denken auf Gott. ‚Frauen und Gold’ bringen uns vom Yoga-Weg ab.
    Dein Denken ist zerstreut. Ein Teil weilt in Dacca, ein anderer in Delhi und ein dritter in Coochbehar. Das Denken muss gesammelt werden, es muss auf ein Objekt konzentriert werden. Wenn man einen Stoff kaufen will, der vier Rupien kostet, dann muss man dem Kaufmann volle vier Rupien zahlen. Wenn der Telegrafendraht auch nur einen kleinen Bruch hat, kommt keine Meldung mehr durch. VIII


  • Meister: Man sollte stets Gottes Namen und Herrlichkeit verkünden und zu Ihm beten. Ein alter Topf muss jeden Tag geschrubbt werden. Was nützt es, ihn nur einmal zu reinigen? Ferner sollte man Unterscheidung und Entsagung üben und sich der Unwirklichkeit der Welt bewusst werden.
    Anhänger: Ist es gut, der Welt zu entsagen?
    Meister: Nicht für alle. Wer mit dem Vergnügen noch nicht durch ist, sollte auch der Welt nicht entsagen.
    Ich meine das Vergnügen an ‚Frauen und Gold’. Die meisten Menschen spüren kein Verlangen nach Gott, solange sie nicht ihre Erfahrung mit Geld, Namen, Ruhm und Bequemlichkeit gemacht haben, das heißt, solange sie diese Vergnügen nicht durchschaut haben. VI


  • Bedenke einmal, was an Geld und an einem schönen Körper dran ist. Übe dich im Unterscheiden, und du wirst finden, dass selbst der Körper der schönsten Frau nur aus Knochen, Fleisch, Fett und anderen unerfreulichen Dingen besteht. Warum sollte der Mensch Gott aufgeben, um seine Aufmerksamkeit auf diese Dinge zu richten? Warum sollte er ihretwegen Gott vergessen?
    Die Veden berichten vom Homa-Vogel, der hoch oben am Himmel lebt. Dort legt er sein Ei, das herabfällt; aber durch die Höhe dauert es viele Tage. Im Fallen wird es ausgebrütet, und das Küken fällt weiter. Es öffnet die Augen, und Flügel wachsen ihm. Sobald es sieht, dass es fällt, und erkennt, dass es auf der Erde zerschmettert werden wird, schießt es aufwärts zu seiner Mutter hoch am Himmel. I


  • Alles hängt von Gottes Willen ab. Was vermag ein Mensch? Beim Denken an Gott fließen manchmal Tränen, und manchmal bleiben die Augen trocken. Wenn ich über Gott meditiere, spüre ich an einigen Tagen ein inneres Erwachen, und an anderen Tagen spüre ich gar nichts.
    Man muss sich bemühen, nur dann kann man Gott sehen. So kann man auch Liebe zu Gott oder Seine Schau nur erlangen, wenn man hart arbeitet. Arbeit bedeutet Meditation, Anbetung und Singen von Gottes Namen und Herrlichkeit. Man kann auch Wohltätigkeit, Opfer und ähnliches hinzufügen. VIII


  • In Eurem Herzen liegt Gold verborgen, aber Ihr wisst es noch nicht. Es ist mit einer dünnen Erdschicht bedeckt. Solltet Ihr es entdecken, so werdet Ihr all diese Tätigkeiten vermindern. Nach der Geburt ihres Kindes kümmert sich die Mutter nur noch um das Kind. Ihre Schwiegermutter nimmt ihr alle Haushaltspflichten ab.
    Durch selbstloses Tun wächst die Liebe zu Gott. Durch Seine Gnade werdet Ihr Ihn im Laufe der Zeit erkennen. Man kann Gott schauen. Man kann mit Ihm reden, wie ich mit Euch spreche. II


  • Anhänger: Durch welche Mittel kann man Gott sehen?
    Meister: Könnt ihr mit verlangendem Herzen nach Ihm weinen? Die Menschen vergießen Ströme von Tränen um ihrer Kinder, Frauen und Reichtümer willen. Wer aber weint nach Gott? Solange das Kind mit seinem Spielzeug beschäftigt ist, kann sich die Mutter um ihren Haushalt kümmern. Ist das Kind dessen überdrüssig, so wirft es das Spielzeug beiseite und schreit nach seiner Mutter. Dann nimmt die Mutter den Reistopf vom Herd, läuft hin und schließt ihr Kind in die Arme. IV


  • Meister (flüsternd zu Narendra): „Wenn man alles von Gott erfüllt sieht, kann man dann noch etwas anderes sehen?“
    Narendra: „Muss man der Welt entsagen?“
    Meister: „Ich habe doch gerade eben gesagt: ‚Wenn man alles von Gott erfüllt sieht, kann man dann noch etwas anderes sehen?’ Kann man dann noch so etwas wie die Welt wahrnehmen?
    Ich meine geistige Entsagung. Keiner von denen, die hierherkommen, ist ein weltlicher Mensch. Einige hatten noch ein wenig Verlangen – zum Beispiel eine Vorliebe für Frauen (Rakhal und M lächelten). Dieses Verlangen ist erfüllt worden.“
    Der Meister sah Narendra liebevoll an, und auf die Verehrer blickend, sagte er: „Großartig!“
    Mit einem Lächeln fragte Narendra den Meister: „Was ist großartig?“
    Meister: „Ich sehe, dass Vorbereitungen getroffen werden für eine großartige Entsagung.“
    Alle blickten den Meister schweigend an. Rakhal nahm die Unterhaltung wieder auf.
    Rakhal (lächelnd zum Meister): „Narendra beginnt, Euch gut zu verstehen.“
    Rāmakrishna lachte und sagte: „Ja, das stimmt. Ich sehe, dass auch viele andere zu verstehen beginnen.“ XI, Alle Zitate aus: Das Vermächtnis, O.W. Barth Verlag, München