• Etwas Seltsames will ich euch sagen. Es gibt ein verborgenes Geheimnis zwischen Gott und der Seele. Dies erfahren jene, die die höchsten Höhen vollkommen geläuterter Liebe und Glaubens erlangen, wo der gänzlich verwandelte Mensch durch ständiges Gebet und Kontemplation mit Gott Eines wird.

    Theognius



  • Trunken von Liebe und Mitleid mit Christus, konnte der selige Franz zuweilen die süße Melodie, die er in seinem Herzen trug, nicht an sich halten. Oft lief der Geist ihm über und ergoss sich in französischen Lauten; und der göttliche Quell, dessen Raunen sein Ohr im Verborgenen lauschte, brach dann in einem Jubellied in provenzalischer Mundart hervor.
    Manchmal hob er von der Erde ein Holzscheit auf, legte es über den linken Arm, nahm mit der Rechten einen Stecken, der ihm zum Bogen diente, und strich damit über das Scheit, wie wenn er mit der Geige oder mit einem andern Instrument spielte. Dazu bewegte er sich in entsprechendem Rhythmus und sang ein französisches Lied vom Herrn Jesus Christus.
    Zuletzt pflegten sich alle diese Lieder und Tänze in Tränen der Rührung aufzulösen, im Gedanken an Christus, und alles in ihm ward zu reiner Seligkeit. Er vergaß, was er in Händen hielt und ward zum Himmel entrückt. Spiegel der Vollkommenheit
    Über Franz von Assisi


  • Vijay war als erster vom Rausch des Göttlichen fortgerissen. Dann stand Rāmakrishna auf und vergaß Schmerz und Krankheit. Der Arzt, der vor ihm gesessen hatte, stand auch auf. Patient und Arzt vergaßen sich selbst im Banne des Liedes. Der jüngere Naren und Latu gingen in Samadhi. Die Atmosphäre schien elektrisch geladen zu sein. Alle spürten die Gegenwart Gottes. Dr. Sarkar als Wissenschaftler stand atemlos da und beobachtete die seltsame Szene. Er bemerkte, dass die in Samadhi Weilenden sich der äußeren Welt völlig unbewusst waren. Alle waren starr und regungslos. Als sie allmählich auf die Ebene der relativen Welt zurückkehrten, lachten einige, andere weinten. Hätte ein Fremder den Raum betreten, so hätte er gedacht, er sei in eine Versammlung Betrunkener geraten. Bald darauf begann der Meister zu sprechen, und die Verehrer setzten sich. Es war acht Uhr abends.
    Meister (zum Arzt):
    „Ihr habt ja die Wirkung göttlicher Ekstase beobachtet. Was sagt die Wissenschaft dazu? Glaubt Ihr, dass es nur Täuschung ist?“
    Doktor:
    „Es muss etwas ganz Natürliches sein, wenn so viele Menschen es erleben. Es kann keine Täuschung sein. (Zu Narendra:) Als du die Zeilen sangst ’MUTTER, mach mich verrückt vor Liebe zu Dir, was brauch ich Erkenntnis und Verstand?‘ konnte ich mich kaum beherrschen.“ X, Das Vermächtnis, O.W. Barth Verlag, München
    Über Rāmakrishna


  • Eines Tages also saß ich allein und fühlte mich keineswegs schlecht – da packte mich jäh und unzweideutig der Schrecken des Todes. Ich fühlte, ich müsse sterben.
    Dieser Schreck der Todesangst wandte mich nach innen.
    „Gut“, sprach ich dann zu mir selber, „dieser Leib ist tot. Starr wie er ist, werden sie ihn zur Leichenstätte tragen; dort wird er verbrannt und wird zu Asche. Aber wenn er tot ist – bin dann ‚Ich’ tot? – Dieser Leib ist stumm und dumpf. Aber ich fühle alle Kraft meines Wesens, sogar die Stimme, den Laut ‚Ich’ in mir – ganz losgelöst vom Leibe. Also bin ich ein ‚Geistiges’, ein Ding, das über den Leib hinausreicht. Der stoffliche Leib stirbt, aber das Geistige, über ihn hinaus, kann der Tod nicht anrühren. Ich bin also ein todloses ‚Geistiges’.“
    All das aber war nicht bloß ein Vorgang in meinem Denken, es stürzte als lebendige Wahrheit in Blitzen auf mich ein: Ich ward es unmittelbar gewahr, ohne Überlegen oder Folgern. Dieses „Ich“ oder mein „Selbst“ blieb von diesem Augenblick an mit allmächtiger Anziehungskraft im Brennpunkt meiner wachen Aufmerksamkeit. Die Furcht vor dem Tode war ein für allemal vergangen. Dieses Verschlungensein ins „Selbst“ hat von jener Stunde an bis heute nicht aufgehört.
    Der Weg zum Selbst, Heinrich Zimmer, Diederichs Verlag


    Ramana Maharshi


  • Bevor ich wusste, wie mir geschah, tat mein Meister etwas in Tibet ganz und gar Ungewöhnliches. Er umarmte mich plötzlich und hob mich hoch. Dann gab er mir einen dicken Kuss auf die Wange. Für einen langen Augenblick fiel mein Geist vollständig von mir ab, und ich war eingehüllt von einer unglaublichen Zärtlichkeit, von Wärme, Vertrauen und Kraft.
    Beim nächsten Mal war es ein formeller Akt. Zu dieser Zeit war ich etwa neun Jahre alt. Mein Meister hatte mich holen lassen und befahl mir, mich vor ihn zu setzen. Wir waren allein. Er sagte: „Ich werde dich jetzt in die essentielle Natur des Geistes einführen.“ Er nahm Glocke und Handtrommel und rezitierte die Anrufung aller Meister. Dann geschah die Einführung. Plötzlich überraschte er mich mit der Frage: „Was ist Geist?“, wobei er mir tief in die Augen starrte. Ich war völlig verblüfft. Mein Geist zersprang. Keine Worte, keine Begriffe, keine Gedanken blieben zurück, nichts, was man Geist hätte nennen können.
    In diesem Schock hatte sich eine Lücke aufgetan und in dieser Lücke war ein reines, unmittelbares Gewahrsein der Gegenwart ohne jedes Festhalten sichtbar geworden, einfach, nackt und grundlegend. Doch diese nackte Einfachheit strahlte die Wärme unermesslichen Mitgefühls aus. Wieviel ließe sich über diesen Moment noch sagen!
    I 4, Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, Knaur Verlag, München

    Sogyal Rinpoche


  • Die magische Berührung des Meisters verursachte sofort eine wunderbare Verwandlung in meinem Bewusstsein. Ich war überrascht, als ich entdeckte, dass es wirklich in diesem Universum nichts gab als Gott! Ich sah es ganz deutlich, schwieg aber, um zu sehen, ob diese Vorstellung dauern würde. Aber der Eindruck hielt den Tag über an. Ich kehrte heim, aber auch dort war alles, was ich sah, Brahman. Ich setzte mich, um zu essen, fand aber, dass alles, die Nahrung, der Teller, die Person, die mich bediente, und auch ich selbst nichts anderes waren als Das. Ich aß ein paar Brocken und saß dann wieder still da. Ich wurde durch die Worte meiner Mutter aufgeschreckt: „Was sitzt du regungslos da? Iß deine Mahlzeit!“
    Ich aß weiter, aber ob ich aß, mich niederlegte oder zur Schule ging, ich hatte dasselbe Erlebnis und fühlte mich wie ein Schlafwandler. Während ich durch die Straßen ging und sich Wagen näherten, empfand ich keine Neigung, ihnen aus dem Weg zu gehen. Ich fühlte, dass die Wagen und ich selbst aus ein und demselben Stoff waren. Meine Glieder waren empfindungslos und wie gelähmt. Ich mochte nicht essen und hatte das Gefühl, als ob jemand anders äße. Manchmal legte ich mich während der Mahlzeit hin, stand nach einigen Minuten wieder auf und aß weiter. Das Ergebnis war, dass ich an einigen Tagen zu viel aß, aber es schadete mir nichts. Meine Mutter war beunruhigt und sagte, dass irgendetwas mit mir nicht stimme.
  • Sie fürchtete, dass ich nicht lange leben würde. Als sich der Zustand etwas veränderte, erschien mir die Welt wie ein Traum. Wenn ich über den Cornwallis-Platz ging, schlug ich meinen Kopf gegen das Eisengitter, um zu sehen, ob es wirklich war oder nur ein Traum. Dieser Zustand hielt einige Tage an. Als ich wieder normal wurde, erkannte ich, dass ich einen Schimmer des Advaita-Zustandes gehabt haben musste. Da ging mir auf, dass die Worte der Schriften nicht falsch waren. Von da an konnte ich die Schlussfolgerungen der Advaita-Philosophie nicht mehr leugnen.
    Vedanta: Der Ozean der Weisheit, O.W. Barth Verlag, München


    Vivekananda


  • Formeller Gottesdienst hört auf, wenn man Gott gesehen hat. Auch meine Gottesanbetung im Tempel kam auf diese Weise zu einem Ende. Ich pflegte die Gottheit im Tempel zu verehren. Eines Tages wurde mir plötzlich geoffenbart, dass alles reiner Geist ist. Die heiligen Geräte für den Gottesdienst, der Altar, der Türrahmen – alles war nichts als Geist. Die Menschen und Tiere – nichts als göttlicher Geist. Wie ein Verrückter begann ich, Blumen in alle Richtungen zu verstreuen. Was ich auch immer sah, betete ich an.

    Manchmal sah ich das ganze Universum mit göttlichem Bewusstsein durchtränkt wie die Erde mit Wasser in der Regenzeit.

    Rāmakrishna


  • Es wurde mir bewusst, dass dasjenige in mir, das glaubte, das wissen wollte, das suchte, das fand und das, was schließlich gefunden wurde, nichts anderes als meine Seele war.
    Seitdem habe ich alle Seelen als meine Seele erblickt, und ich wurde gewahr, dass meine Seele die Seele aller ist. Was für eine Erregung war es, als ich erkannte, dass ich allein war, wenn irgend jemand war; dass ich bin, was immer und wer immer existiert; und dass ich sein werde, wer immer in Zukunft sein wird. Und es gab kein Ende für mein Glück und meine Freude.Karima Sen. Gupta, Texte zum Nachdenken, Herder-Verlag, Freiburg

    Hazrat Inayat Khan



  • Als Gott, der Ruhmreiche, mein aufrichtiges Verlangen nach Ihm erkannte, rief er mich und sagte: ‚Komm, mein Erwählter, komm näher zu Mir. Erklimme die Höhe meines Ruhmes, komm auf die Stufe meiner Herrlichkeit und sitze auf dem Teppich meiner Heiligkeit.’ Darauf schmolz ich dahin wie Metall im Feuer. Er gab mir zu trinken vom Brunnen der Gnade und verwandelte mich auf unbeschreibbare Weise. Er gebot meinen Blicken nach außen Einhalt und lehrte mich, nach innen zu blicken. Er ließ mich mir selbst sterben und leben in Ihm. Er führte mich zur Wahrheit, und ich erblickte sie durch Ihn. Da erkannte ich Ihn wirklich. Als ich Sein Lob sang mit der Zunge, die Er mir gab, und durch Seine Erkenntnis zur Erkenntnis kam, sagte Er zu mir: ‚Bayazid, schau nur hin! Wenn nichts existiert, existiert alles, alles.’

    Bayazid


  • Wie ich Euch bereits mitgeteilt habe, pflegte ich zu mir selbst zu sagen, dass wenn die Wahrheit gegenwärtig ist, ich fähig sein müsste, sie zu sehen, mit eben diesen Augen, und ich machte eine kontinuierliche Anstrengung um diese Barriere der Formen zu durchdringen. Und ich darf sagen, dass ich nicht unerfolgreich war. Man kann ein Stadium erreichen, in dem man die Dinge mit eben diesen Augen betrachtet, aber etwas anderes sieht als gewöhnlich. Die Formen, die durch die Sinne erfahren werden, treten zurück und die wahre Realität – die spirituelle Realität die alles ist – wird auf einmal offenbar und direkt erkannt. Ihr werdet das wahrscheinlich nicht akzeptieren. Ihr werdet denken, „Sie wollen sagen, dass wenn ich meine Ansichten über eine Person ändere, dann werde ich beginnen anstatt dieser Person Gott zu sehen?“ Das ist genau was ich sagen will. Es kann getan werden, es muss getan werden, und das ist die einzige Richtung, in die wir gehen können. …

    Daher verwendete ich viele Stunden darauf, meine Gedanken zu korrigieren. Ich erinnere mich an eine äußerst ungewöhnliche Erfahrung zu dieser Zeit. Es gab eine Katze, und sie hatte in unserem Haus einige Kätzchen zur Welt gebracht. Ich erinnere mich an einen Tag, als ich alleine war mit der Katzenmutter und einem ihrer Kätzchen. Ich betrachtete die Katzenmutter, und ich sah ihr Gesicht leuchtend,
  • leuchtend in göttlichem Licht. Meine Anstrengungen hatten langsam die Barriere durchbrochen. Ihr seht, dass das was wir durch unseren Irrtum errichtet haben so dick und mächtig ist, dass eine lange Zeit und eine sehr entschlossene Anstrengung nötig sind, bevor wir sie durchdringen können. Aber nach und nach wird diese Erfahrung kommen.
    When the many become One II


    Ashokananda