• Die vergängliche Persönlichkeit


    Vielleicht ist aber die eigentliche Ursache unserer Angst die Tatsache, dass wir nicht wissen, wer wir wirklich sind. Wir glauben an eine persönliche, einzigartige und unabhängige Identität. Wagen wir es aber, diese Identität zu untersuchen, dann finden wir heraus, dass sie völlig abhängig ist von einer endlosen Reihe von Dingen: von unserem Namen, unserer „Biographie“, von Partner, Familie, Heim, Beruf, Freunden, Kreditkarten... Auf diese brüchigen und vergänglichen Stützen bauen wir unsere Sicherheit. Wenn uns all das genommen würde, wüssten wir dann noch, wer wir wirklich sind?
    I 2 Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, Knaur Verlag, München


    Sogyal Rinpoche


  • Die Seele denkt, dass sie der Körper sei; sie denkt, dass sie geht, sitzt, liegt, wenn der Körper es tut, aber in Wirklichkeit tut sie nichts davon. Ein leichtes Unwohlsein des Körpers lässt sie denken, ‚ich bin krank’.
    Ein kleiner Angriff macht sie niedergeschlagen. Das geringste Lob lässt sie sich im Himmel fühlen. Der materielle Körper täuscht die Seele so sehr, dass sie denkt ,ohne dies alles bin ich nirgends und nichts’. Karima Sen. Gupta, Texte zum Nachdenken, Herder-Verlag, Freiburg

    Hazrat Inayat Khan


  • ‚Ich’ und ‚mein’ – das ist Nichterkenntnis. Mein Haus, mein Reichtum, mein Wissen, mein Besitz – die Einstellung, aus der heraus solche Dinge gesagt werden, stammt aus Nichterkenntnis. II
    Ein Kind kennt keine Verhaftung. Es baut ein Kartenhaus, und wenn jemand es berührt, beginnt es zu schreien. Im nächsten Augenblick wirft es selbst das Haus um. Es kann sehr an einem Kleidungsstück hängen und sagen: ‚Mein Papi hat es mir geschenkt; ich gebe es nicht her.’ Aber im nächsten Augenblick kann man es ihm mit einem Spielzeug entlocken. VII

    Wenn man sich selbst analysiert, lässt sich so etwas wie ein ‚Ich’ nicht finden. Nehmen wir zum Beispiel eine Zwiebel. Erst lösen wir die äußere Haut, dann schälen wir die weißen Schichten eine nach der anderen ab; zum Schluss bleibt nichts. IV, Das Vermächtnis, O.W. Barth Verlag, München

    Rāmakrishna


  • Immer wenn wir einem Menschen begegnen, betrachten wir ihn als einen Menschen. Aber keineswegs haben wir eine klare Vorstellung von ihm. Halten wir ihn für einen Körper? Nein. Für Gedanken und Gefühlsprozesse? Nein. Für Geist? Nein. Unsere Vorstellung von ihm ist eine wirre Anhäufung von allen dreien. Wir sollten darauf hinarbeiten, ihn ausschließlich als Geist wahrzunehmen. Aber das ist keine einfache Aufgabe. Seit jeher haben wir uns angewöhnt, bestimmte Merkmale mit der Wahrnehmung von dem zu assoziieren, was wir „Mensch“ nennen. Wir schreiben ihm eine bestimmte Form zu, einen Gemütszustand, gut oder schlecht, sympathisch oder unsympathisch, und dahinter ein unklares Etwas. Analysieren wir unsere Auffassung des Menschen, so ergibt sich, dass das unklare Etwas unser essentielles Wesen ist. Formen und Zustände des Gemüts sind und waren äußere Verpackungen. Dennoch herrschen diese Verpackungen in unserer Vorstellung vor. Dann gibt es noch den Namen.


  • Angenommen du triffst deinen Freund Hari. Um diesen Namen haben sich bestimmte Ideen angeordnet, von Körper, Gemüt, und Bewusstsein; und diese nennst du den Menschen Hari. Aber analysiere. Wenn du Hari triffst, triffst du dann nur einen Körper? Das wirst du mit Sicherheit verneinen. Wenn das nicht so ist, warum assoziierst du dann einen bestimmten Körper mit deiner Vorstellung von Hari? Du weißt ganz genau, dass der Körper Materie ist, einmal war er klein, jetzt ist er gewachsen, und dauernd verändert er sich. Außerdem ist er sehr sehr begrenzt. Gewiss denkst du so nicht über Hari. Stattdessen denkst du, dass er eine Seele ist, ein Geist im wesentlichen Sinne – unbegrenzbar, ewig, voller Seligkeit. Ist es nicht absurd, diese beiden sich völlig entgegengesetzten Ideen zu verbinden – Körper und Seele? Versuche also immer wenn du Hari triffst, das Element Körper in deinem Bewusstsein von ihm zu beseitigen. Wenn du möchtest, versuche ihn dir vorerst als Gemüt vorzustellen. Aber das ist nur der Anfang.


  • Das Gemüt (engl. mind) ergibt sich ebenso von außen her. Du siehst, wie äußere Umstände Haris Gemüt verändern, wie sich seine Gedanken und Gefühle von der Kindheit zum Mannesalter verändert haben, und wie sie sich jeden Moment verändern. Unendlich sind die Launen. Welche davon ist wirklich Hari? Du wirst wahrscheinlich einwenden, dass von all diesen Stimmungen einige dauerhafter sind und seine Persönlichkeit ausmachen. Aber hast du dir schon darüber Gedanken gemacht, dass auch diese dauerhaften Grundbestandteile nicht wirklich dauerhaft sind? Wir wissen, dass sich Personen ändern. Hari’s Persönlichkeit ist damit nicht ewig. Wenn das so ist, warum sollte man sich dann Hari als eine Person in diesem Sinne vorstellen, die gewisse Gemütszustände hat? Warum ihn mit Gedanken und Gefühlen assoziieren? Gehe auch darüber hinaus. Was ist er jetzt? Jenseits aller Begrenzungen und Eigenschaften, was ist er? Er ist der Geist, er ist Gott Selbst! Was du bisher als Mensch angesehen hast, ist in Wirklichkeit Gott Selbst, unendlich, ewiges Sein-Bewusstsein-Seligkeit. Diese Erkenntnis ist gewaltig. Sie ist revolutionär. Von nun an, immer wenn wir Hari treffen, fühlen wir nicht seinen Körper oder sein Gemüt, wir fühlen ihn als das Absolute. Spiritual Practice X, Advaita Ashrama, Kalkutta

    Ashokananda


  • Auch unsere Persönlichkeit, unsere angenommene Individualität, ist relative Existenz. Körper, Gedanken, Gefühle, sie entstehen und vergehen. Wir sagen ‚Ich’ und meinen damit eine unveränderliche Identität, die es jedoch bezogen auf körperliche, gedankliche und gefühlsmäßige Merkmale nicht gibt. Aus diesem Grund gibt Buddha die Anweisung: „Wache beim Körper über den Körper, wache bei den Gedanken über die Gedanken, wache bei den Gefühlen über die Gefühle“ (aus den vier Pfeilern der Einsicht) und beschreibt den Bruch mit unserer gewöhnlichen Identifikation und die innere Haltung in der Meditation. Und was ist es, das da über alles andere wacht?
    In den Zitaten wurde bereits die Grundannahme der Existenz einer unsterblichen Seele, eines göttlichen Selbst oder eines fortdauernden Bewusstseins getroffen. Diese Grundannahme einer absoluten Existenz, die potentiell in jedem Menschen steht und seine wahre (weil unveränderliche) Identität ausmacht, soll in den nebenstehenden Texten stärker zur Geltung kommen.