• Der Mensch ist auf dem Mond gelandet; das ist eine gewaltige Leistung. Wir sind stolz darauf, eine scheinbar unmögliche Tat vollbracht zu haben, und das mit Recht. Es ist ein berechtigter Stolz; aber was wird dadurch gewonnen, dass wir zum Mond fliegen? Angenommen, wir lernten alles über den Mond und Dutzende von Passagierflugzeugen flögen hin und zurück. Millionen andere Sterne und Planeten blieben weiter unerforscht. Wir sammeln nur Tatsachen der Natur. Von einem Standpunkt aus ist unsere Erkenntnis umfangreich, von einem anderen Standpunkt aus bedeutungslos.
    Narada, der große Gelehrte von einst, ging zu einem Lehrer und sagte sehr vernünftig: „Verehrungswürdiger, ich besitze genug Kenntnisse und Buchgelehrtheit“, und er gab eine lange Liste aller Wissenszweige an, die er studiert hatte. „Aber“, sagte er, „leider habe ich keinen inneren Frieden“.
    Eine aufschlussreiche Frage in Bezug auf moderne Gelehrte und Wissenschaftler: „haben Sie inneren Frieden?“ Darauf kommt es an. Die Entdeckungen des Wissenschaftlers mögen überwältigend sein, seine Gelehrtheit ungeheuer, aber ist es ihm dadurch gelungen, inneren Frieden zu erlangen? Die modernen Wissenschaftler und Gelehrten sind in dieser Hinsicht hilflos. Sie wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen.Vedanta und das heutige Denken
    Pavritrananda

  • Natürlich gibt es verschiedene Arten von Faulheit: östliche und westliche. Den östlichen Stil der Faulheit findet man hauptsächlich in Asien, manchmal bis zur Perfektion entwickelt. Er besteht – überspitzt gesagt – darin, den ganzen Tag in der Sonne herumzusitzen, nichts zu tun, jede Art von Arbeit und sinnvoller Aktivität möglichst zu vermeiden, statt dessen unglaubliche Mengen Tee zu trinken, Musik aus dem Radio dudeln zu lassen und mit Freunden zu tratschen. Westliche Faulheit ist eine ganz andere. Sie besteht darin, das Leben mit zwanghaften Aktivitäten so vollzustopfen, dass keine Zeit mehr bleibt, sich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern.
    Ein Meister beschreibt diesen Zustand mit dem Bild „im Traum einen Haushalt führen“.
    I 2, Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, Knaur Verlag, München


    Sogyal Rinpoche


  • Welch geheimnisvolle Sache die Freiheit doch ist. Sie ist wie die Luft. Man beginnt sie erst zu schätzen, wenn man sie verliert. Ich sehe, dass auch der westliche Mensch kaum frei ist. Und die Hauptsache ist, dass er wenig nach Freiheit verlangt.
    Hier zeigt sich der Nihilismus auf eine andere Weise. Nicht so wie bei uns. Ein Beispiel: Gestern lief mein Zug in den Bahnhof der großen deutschen Stadt Frankfurt a. M. ein. Ein riesiges Bahnhofsgebäude – und darüber gigantisch leuchtend die Buchstaben „MM“.
    Ich frage meine Begleiterin: „Was ist das? Irgendein besonderes Symbol, eine Losung, etwas Bedeutendes?“ – Sie antwortet: „Das ist nur eine Reklame für Sekt.“
    Über alles stülpt sich die lästige Welt der Reklame. Im Kino zum Beispiel: Man spricht mit so geheimnisvoll-suggestiver Stimme von Lappalien: von Waschpulver, von irgendwelchen Bürsten, als ob dies die wichtigsten und unentbehrlichsten Dinge seien.
    Aber von anderen Dingen zu sprechen, die tatsächlich für alle unentbehrlich sind – von der Seele, vom Sinn des Lebens, von der Erlösung –, darüber offen zu reden, schämen sich hier sogar Priester. Wahrhaftig, eine verkehrte und verzerrte Welt. Tagebuch von 1980

    Tatjana Goritschewa


  • Schaffe Schweigen! – Alles lärmt; und wie man von einem hitzigen Getränk sagt, es bringe das Blut in Aufruhr, so ist in unserer Zeit alles, selbst das unbedeutendste Unternehmen, jede, selbst die nichtssagendste Mitteilung, nur darauf berechnet, die Sinne zu erschüttern und die Masse zu erregen, die Menge, das Publikum, den Lärm! Und der Mensch, dieser kluge Kopf, ist gleichsam schlaflos geworden, um neue, immer neue Mittel zu erfinden, den Lärm zu vermehren, um möglichst schnell im größten Maßstab das Getöse und das Nichtssagende auszubreiten. Was wird schneller ausposaunt und was wird weiter verbreitet als Klatsch! O schaffe Schweigen!
    Religion der Tat 187


    Kierkegaard

  • „Nur degenerierte kapitalistische Massen benutzen den Sexus als ein zusätzliches Opium für die Massen, die schon durch alle Arten von Reklame und Propaganda hinreichend verdummt sind…“
    Gespräche mit russischen Menschen


    Jerzy Kosinski


  • Wenn auch die Wissenschaft auf diese Weise uns für ein Zeitalter von breiterer und tieferer Kultur vorbereitet, wenn sie trotz ihres Materialismus oder teilweise sogar durch diesen die Wiederkehr des wirklichen Materialismus barbarischer Mentalität unmöglich gemacht hat, so hat sie trotzdem mehr oder weniger indirekt durch ihre Einstellung dem Leben gegenüber wie durch ihre Erfindungen eine andere Art von Barbarei ermutigt – denn anders kann man dies nicht nennen –: die Barbarei des industriellen, kommerziellen und wirtschaftlichen Zeitalters, die jetzt ihrem Höhepunkt und ihrem Ende zuschreitet.
    Diese wirtschaftliche Barbarei ist wesentlich die des vitalen Menschen, der das vitale Sein irrtümlicherweise für das Selbst hält und die eigene Befriedigung als erstes Lebensziel ansieht. Die Charakteristik seines Lebens ist Begierde und der Trieb nach Besitz. Ebenso wie die physische Barbarei den Körper an die erste Stelle setzt und die Entwicklung der physischen Kraft, Gesundheit und Tapferkeit zu ihrem Maßstab und Ziel erhebt, so tut dies die vitalistische oder wirtschaftliche Barbarei mit der Befriedigung der Bedürfnisse und Wünsche und der Anhäufung von Besitz. Ihr Idealmensch ist nicht der kultivierte, edle, gedankenvolle, moralische oder religiöse, sondern der erfolgreiche Mensch. Sein Dasein heißt Erreichen, Erfolghaben, Schaffen, Anhäufen und Besitzen. Das Sammeln von Wohlstand und immer mehr Wohlstand, das Anhäufen von Besitz auf Besitz, Reichtum,
  • Protzentum, Genuss und schwerfälliger, unkünstlerischer Luxus, eine Fülle von Bequemlichkeiten, ein Leben ohne Schönheit und Adel, eine entwürdigte oder nüchtern formalistische Religion, Politik und Führung, die zu einem Handel, zu einem Beruf geworden sind, selbst Freude, die zum Geschäft gemacht wurde, das ist das kommerzielle Zeitalter.
    Ein ausgefülltes und gut geordnetes Leben ist für den Menschen wünschenswert, der der Gesellschaft angehört, aber es muss auch ein wahres und schönes Leben sein. Weder Leben noch Körper sind ein Selbstzweck. Sie sind Gefäß und Werkzeug eines höheren als des eigenen Gutes. Sie müssen den höheren Notwendigkeiten des mentalen Wesens untergeordnet werden, gezügelt und gereinigt nach einem höheren Gesetz der Wahrheit, des Guten und Schönen, bevor sie den richtigen Platz in dem Gesamt menschlicher Vollkommenheit einnehmen können. Deshalb wird die Seele in dem kommerziellen Zeitalter mit seinen gewöhnlichen und barbarischen Idealen von Erfolg, Lebensbefriedigung, Produktivität und Besitz vielleicht eine kurze Zeit verweilen, um gewisse Gewinne und Erfahrungen zu sammeln, aber sie wird hier nicht für längere Zeit bleiben. Würde sie sich doch festsetzen, so würde das Leben für sie versacken und in seiner eigenen Fülle verderben oder in seinem Streben nach stärkerer Ausbreitung auseinanderbrechen. Zyklus der menschlichen Entwicklung, Mirapuri-Verlag, Gauting
    Aurobindo