Kirche − Religiöse Institutionen


Der Tod einer Kultur beginnt damit, dass ihre normsetzenden Institutionen es nicht mehr schaffen, Ideale so zu kommunizieren, dass sie innerlich verpflichtend bleiben. Aus: Rod Dreher, Die Benedikt-Option, fe-medien

Philip Rieff

Religion und Religiosität


Man muss wohl zwei Aspekte der Religion unterscheiden: wahre Religion und Religiosität.

Wahre Religion ist geistige Religion. Sie sucht im Geist zu leben, jenseits des Verstandes, der Ästhetik, des ethischen und praktischen Seins des Menschen, und sie erstrebt, diese Glieder unseres Seins mit dem höchsten Licht und Gesetz des Geistes zu erfüllen und zu lenken.

Religiosität dagegen verschanzt sich hinter enger, pietistischer Erhöhung der niederen Glieder oder misst intellektuellen Dogmen, Formen und Zeremonien, einem festgelegten und strengen Moralkodex, einem religiös-politischen oder religiös-sozialen System, übertriebenen Wert bei.
Wohl sollten alle diese Dinge keineswegs vernachlässigt werden, da sie nicht im geringsten wertlos oder unnötig sind. Auch sollte eine geistige Religion die Hilfe von Formen, Zeremonien, Glaubenssätzen oder Systemen nicht missachten. Im Gegenteil, die Menschheit bedarf ihrer, da ihre niederen Glieder erschüttert und erhoben werden müssen,


ehe sie vergeistigt werden, ehe sie den Geist unmittelbar fühlen und seinem Gesetz gehorchen können. Der denkende und überlegende Verstand bedarf oft einer intellektuellen Formel, einer Form oder Zeremonie für das ästhetische Temperament oder für andere Teile des vorrationalen Seins, eines Moralkodex für die vitale Natur des Menschen in ihrerHinwendung zu dem inneren Leben. Aber all dies kann nur Hilfe und Stütze sein, ist nicht das Wesen selbst. Eben weil es den rationalen und vorrationalen Teilen zugehört, kann es nichts anderes sein.

Stützt man sich allzu sehr auf diese Formen, können sie sogar das überrationale Licht verdunkeln. So, wie sie sind, müssen sie dem Menschen angeboten und von ihm benutzt, nicht aber dürfen sie ihm als einziges Gesetz mit unbeugsamem Willen aufgezwungen werden. Für ihre Anwendung ist Toleranz und Freiheit zu ändern die oberste Regel.
Der geistige Gehalt der Religion ist das einzige und höchst Notwendige, an dem wir festhalten müssen und dem wir jedes andere Element oder Motiv unterordnen sollten. Zyklus der menschlichen Entwicklung, Mirapuri-Verlag, Gauting
Aurobindo

Die Vernachlässigung der „geistigen Religion“


Wir alle kennen jenen unerleuchteten Eifer, der glaubte, alles neu machen zu müssen und die Gebetstraditionen von Jahrhunderten wie alten Plunder beiseite werfen zu können. Dass nicht wenige angesichts dieser inneren Verarmung der Kirche die Kunst der Meditation anderswo suchten und in Techniken der Innerlichkeit abseits der Inhalte des christlichen Glaubens flüchteten, muss zu neuer Besinnung zwingen. Kreuzeslob, Vorwort von 1987, fe-medien, Kisslegg
Joseph Card. Ratzinger




Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein. Frömmigkeit heute und morgen, 1966
Karl Rahner

Die verpönte göttliche Immanenz


Sieht man einmal von jenen mystischen Strömungen ab, die auch die metaphysische und ontologische Spekulation vorantrieben, so ist die Selbst-Ergründung mit dem Ziel der Selbst-Verwirklichung im traditionellen Christentum entweder unbekannt oder verpönt. Die sokratische Aufforderung „Erkenne dich selbst“ wurde nicht gerade zu einer christlichen Pflichtübung. Selbsterforschung meinte hier immer nur Gewissenserforschung, ein eher zerknirschtes Insichgehen.
Ein göttlicher Grund, der diesen persönlichen Schöpfergott noch transzendiert und zu dem jeder Gläubige einen direkten Zugang hat, ohne priesterliche Vermittlung, kann nicht im Sinne einer Kirche sein, die den Menschen gern in Abhängigkeit hält. Ihr ist ein Petrus, der sich aus den Fluten retten lässt, lieber als ein Buddha, der in seiner eigenen Mitte ruht, oder als ein Mystiker wie Eckhart. Der Mut auf den Grund zu gehen, Via Nova Verlag, Petersberg

Hans Torwesten

Stattdessen: Eine veräußerlichte „Martha-Kirche“


Die katholische Kirche in Deutschland ist großartig durch ihre sozialen Aktivitäten, durch ihre Bereitschaft zu helfen, wo immer es nottut. Dann und wann sagt aber ein afrikanischer Bischof zu mir: „Wenn ich in Deutschland soziale Projekte vorlege, finde ich sofort offene Türen. Aber wenn ich mit einem Evangelisierungsprojekt komme, stoße ich eher auf Zurückhaltung.“ Offenbar herrscht da bei manchen die Meinung, die sozialen Projekte müsse man mit höchster Dringlichkeit voranbringen; die Dinge mit Gott oder gar mit dem katholischen Glauben seien doch eher partikulär und nicht so vordringlich. Und doch ist es gerade die Erfahrung dieser Bischöfe, dass die Evangelisierung vorausgehen muss; dass der Gott Jesu Christi bekannt, geglaubt, geliebt werden, die Herzen umkehren muss, damit auch die sozialen Dinge vorangehen; damit Versöhnung werde; damit zum Beispiel Aids wirklich von den tiefen Ursachen her bekämpft und die Kranken mit der nötigen Zuwendung und Liebe gepflegt werden können. Das Soziale und das Evangelium sind einfach nicht zu trennen. Wo wir den Menschen nur Kenntnisse bringen, Fertigkeiten, technisches Können und Gerät, bringen wir zu wenig. Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, München-Riem 2006
Papst Benedikt XVI

Notwendigkeit der Entweltlichung


Zunächst sollen sie im Garten der heiligen Kirche, dessen Hüter Sie sind, die stinkenden Blumen ausrotten, die voll Schmutz und Gier und vom Stolz aufgebläht sind. Das sind die schlechten Hirten und Hüter, die diesen Garten verpesten und ihn verfallen lassen. Um Gottes willen, gebrauchen Sie Ihre Macht und reißen Sie diese Blumen aus… Ach wie sehr muss man sich schämen, wenn man jene, die ein Vorbild in freiwilliger Armut sein und das Kirchengut an die Armen verteilen sollten, in den Kostbarkeiten, im Pomp und in der Eitelkeit der Welt schwelgen sieht. An den Papst

Katharina von Siena

Das eigentliche Schisma


Die Versöhnung und Integration von geistlicher Erfahrung und theologischer Gelehrsamkeit wäre das Entscheidende. Die Trennung dieser Bereiche ist das eigentliche und bis heute andauernde Schisma der abendländischen Kirche. Sehr gut sichtbar wird diese innerliche Spaltung an dem getrennt verlaufenden Nebeneinander von kontemplativen Strömungen und dem Sakrament- und Liturgie-betonten Kirchenritus.

Zur Zukunft des Priester- und Ordensstandes

Die beiden Aussagen „Die eigentliche Berufung der Kirche ist die Religion“ und „die Qualität des Angebots zählt“ gewinnen höchste Aktualität, wenn über den Mangel an Nachwuchs im Priester- und Ordensstand nachgedacht wird. Die Lösung kann nicht in der Übernahme von neuen sozialen Aufgaben und besserer Organisation gefunden werden. Gefordert ist vielmehr, den Blick auf die innere Motivation zu lenken und auf die Arbeit am Menschen als solchem. Das erfordert als Erstes die konsequente Arbeit an sich selbst.
Dies bedeutet im Hinblick auf den Mangel an Priester- und Ordensberufungen, den Hauptakzent auf eine gesteigerte spirituelle Qualifikation zu legen. Die immer mehr schwindende Anzahl der Kirchenbesucher und die steigende Nachfrage in den Meditationshäusern geben Anlass, sich an deren Angebote und Anforderungen messen zu lassen.
Für die Orden heißt das: Sie könnten dann überleben, sogar neu aufblühen, wenn sie als Erstes auf die Sinnsuche und Vertiefung des modernen Menschen eingehen, die erfolgreichen Wege aufgreifen und das Religiöse als solches erschließen. Unter dieser Voraussetzung könnten die Räume und Strukturen eines Klosters mit neuem Leben gefüllt und eine Lebensqualität angeboten werden, für die sich ein Verzicht auf vieles andere lohnt. Die Verwaltung des Untergangs, Vier-Türme Verlag, MünsterschwarzachGuido Kreppold