Westliche Religiosität


Hier im Westen gibt es große Spannungen zwischen Tradition und Moderne. Traditionell waren die Glaubensinhalte objektiviert, d.h. allgemeingültige Autoritäten wie die Heilige Schrift oder das Wort des Priesters wurden von der Mehrheit der Menschen angenommen. Die Moderne dagegen ist subjektiviert, d.h. jeder einzelne muss sich selbst vergewissern, ob das Gesagte für ihn Gültigkeit hat oder nicht. Es herrschen vielerlei Skepsis und Zweifel vor, und auch die normgebende wissenschaftliche Herangehensweise beruht bekanntlich auf dem Zweifel, der nur durch schlüssige Beweisführung ausgeräumt werden kann.
Aus diesem rationalen modernen Zeitgeist ergibt sich die Notwendigkeit einer rationalen Religion, die dem Prüfstein der Vernunft standzuhalten vermag, um so von
der Mehrheit der Menschen angenommen werden zu können.

Glaube und Vernunft


Der Glaube, dem die Vernunft fehlt, hat Empfindung und Erfahrung betont und steht damit in Gefahr, kein universales Angebot mehr zu sein. Es ist illusorisch zu meinen, angesichts einer schwachen Vernunft besitze der Glaube größere Überzeugungskraft; im Gegenteil, er gerät in die ernsthafte Gefahr, auf Mythos bzw. Aberglauben verkürzt zu werden. In demselben Maß wird sich eine Vernunft, die keinen reifen Glauben vor sich hat, niemals veranlasst sehen, den Blick auf die Neuheit und Radikalität des Seins zu richten.

Nicht unangebracht mag deshalb mein entschlossener und eindringlicher Aufruf erscheinen, dass Glaube und Philosophie die tiefe Einheit wiedererlangen sollen, die sie dazu befähigt, unter gegenseitiger Achtung der Autonomie des anderen ihrem eigenen Wesen treu zu sein. Der Freimütigkeit des Glaubens muss die Kühnheit der Vernunft entsprechen. Enzyklika Fides Et Ratio, 48

Papst Johannes Paul II.


Tatsächlich bringt die moderne Entwicklung der Wissenschaften unzählige positive Wirkungen hervor, wie wir alle sehen; sie sind immer anzuerkennen. Zugleich aber muss man zugeben, dass die Tendenz, nur das als wahr zu betrachten, was Gegenstand eines Experiments sein kann, eine Beschränkung der Vernunft des Menschen darstellt und eine schreckliche, mittlerweile klar erkennbare Schizophrenie hervorbringt, in der Rationalismus und Materialismus, Hypertechnologie und zügellose Triebhaftigkeit zusammenleben.

Der Radius der Vernunft muss sich wieder weiten. Wir müssen aus dem selbstgebauten Gefängnis wieder herauskommen und andere Formen der Vergewisserung wieder erkennen, in denen der ganze Mensch im Spiel ist. ratzinger-papst-benedikt-stiftung.de

Papst Benedikt XVI

Eine rationale und erfahrbare Religion


In Europa herrscht heute der Materialismus vor. Man kann für das Heil der modernen Skeptiker beten, aber sie geben nicht nach in ihrem Verlangen nach Vernunft. Die Rettung Europas hängt von einer rationalen Religion ab, und Advaita – die Lehre der Nicht-Zweiheit, des Einsseins, der Vorstellung eines unpersönlichen Gottes – ist die einzige Religion, die intellektuelle Menschen anspricht. Die Idee des Advaita taucht auf, wenn Religion zu verschwinden droht und Unglauben sich ausbreitet, und deshalb hat er in Europa und Amerika Fuß gefasst. Vedanta: Der Ozean der Weisheit, O.W. Barth Verlag, München

Vivekananda

Der menschliche Intellekt entfaltet sich heute wie nie zuvor. Mehr Menschen denken eigenständig als je zuvor in der Geschichte. Heute, auch wenn Gott zu einem sprechen würde und es keinen vernünftigen Sinn ergäbe, würde man es nicht akzeptieren. Es gab eine Zeit, in der die Menschen es taten. In vielerlei Hinsicht bröckeln also die Himmel. Im Moment mag es nur Einzelne betreffen, aber allmählich wird es zu einem weit verbreiteten Phänomen werden.
Ich schätze, dass in den kommenden 80 bis 100 Jahren die gegenwärtige Form der organisierten Religion abnehmen wird. Die Himmel der Vergangenheit machten Sinn, als die Menschen unter derart erbärmlichen Bedingungen lebten. Heute ist unser Leben besser als das im Himmel, daher werden die Leute sagen: "Ich will nicht in den Himmel kommen. Das hier ist gut." Doch die Sehnsucht des Menschen, mehr zu erfahren, wird nicht nachlassen. Wenn wir nicht als ganze Generation danach streben, jedem Menschen eine kraftvolle innere Erfahrung zu ermöglichen, werden sich 90 Prozent der Bevölkerung Alkohol und Drogen zuwenden - und man wird es nicht verhindern können.
Bevor die gesamte Bevölkerung dieses unglaubliche Werk der Evolution zurückdreht, muss für die Welt ein wissenschaftlich relevanter spiritueller Prozess in Gang kommen. isha.sadhguru.org - Religion, as we know it, will go downSadhguru

Liberal und radikal

In Bezug auf die praktische Herangehensweise an religiöse Ideale mag an dieser Stelle noch ein kurzer Gedanke angebracht sein:
Wir westlichen Menschen sind in der Regel liberal eingestellt. Es ist jedoch eine unbestreitbare Tatsache, dass der Radikale den Liberalen an Stärke übertrifft. Radikalität ist nicht bemüht, viele Standpunkte zu berücksichtigen, es geht ihr nicht darum, alles zu kennen und zu verstehen – zu allererst weiß es um sich, um seine Situation und um seine Gesinnung, über die man nicht zu debattieren braucht. So spart ein solcher Mensch viel Energie, und richtet diese einzig auf eine Idee, auf eine Tätigkeit aus.
Gerade heute hat das verständlicherweise einen eher negativen Beigeschmack. Dennoch muss es nicht immer so sein, dass sich Radikalität von unbewussten Tendenzen ableitet, die die eigene Sichtweise aufs Gröbste verzerren (und dessen zerstörerische Auswirkungen in den Nachrichten oft zu sehen sind). Grundsätzlich muss man einem radikalen Menschen auch die Möglichkeit zugestehen, seine einsgerichtete Anstrengung aus sehr schlüssigen, sehr rationalen Beweggründen heraus zu vollziehen. Und warum sollte er die Position eines anderen leugnen...
Praktische Religion ist immer radikal, ist immer einsgerichtet.