Über den Umgang mit dem Feind


Sieh: Betrübt und wirr beklagst du dich über diesen und jenen, weil er Schmähungen und Gehässigkeiten dir gesagt hat. Es schmerzt dich also, dass er solche Worte oder dass er in solcher Gesinnung sie dir gesagt hat. Sehr gut so, wenn es in seinem Interesse dich schmerzt. Denn ihm ist es nicht dienlich. Tut es aber deinetwegen dir weh, so ist es schlechte Kümmernis. Kein noch so heiliges und gutes Wort hätte er ja so heilig und gut mit mehr Nutzen für dich aussprechen können als eben die Schmähungen, falls du sie nur gut aufnimmst. Mag nämlich einer Gutes oder Böses auf gute oder böse Art dir sagen oder tun: für dich wird es nur so sein, wie du es nutzt. Für ihn dagegen, der so etwas getan oder gesagt hat, wird es sich auswirken je nach der Absicht, in der er es getan oder gesagt hat. Wie nämlich die Bosheit sich selber bloß Lügen straft, nicht dich – sofern du ihr nicht beipflichtest, sondern sie von dir weist – so tut und redet er alles Böse nur sich selber, das heißt zu seinem eignen Verderb.
Das ganze Klagelied wende daher gegen dich selbst als schlechten Verbraucher. Meditationen 396Guigo I

Es ist das Ziel des Lebens, das Subjekt zum Meister des Objekts zu machen. Wenn wir uns zum Beispiel durch die Schmähungen eines anderen unglücklich fühlen, wird unser Bestreben sein, so stark zu werden, dass wir von unserer Umgebung unabhängig und von Schmähungen nicht berührt werden. Wir alle versuchen auf diese Weise, die Umstände zu meistern. Was versteht man unter Moral? Das Subjekt zu erstarken, indem es sich auf das Absolute einstimmt, so dass die endliche Natur aufhört, es zu beherrschen.
Es ist Unsinn, von Elend und Kummer zu reden, weil sie außerhalb von uns gar nicht existieren. Wer für Zorn unempfänglich ist, wird nie zornig werden, und wer gegen allen Hass gefeit ist, wird keinen Hass empfinden. Der Sieg über die Natur ist also nur durch Vervollkommnung des Subjekts möglich. Jnana-Yoga: Der Pfad der Erkenntnis, Phänomen Verlag, Hamburg

Vivekananda

Sich selber treu sein


Wir sollten uns selbst subjektiv wie objektiv treu sein, besonders unseren Gefühlen gegenüber. Selbst wenn Ihr Euch nicht recht wohl fühlt, ist es besser, Ihr drückt Euch aus wie Ihr Euch fühlt, ohne besondere Beifügung oder Absicht. So könnt Ihr sagen: „Ach, es tut mir leid, ich fühle mich nicht so gut.“ Das ist genug. Ihr solltet nicht sagen: „Du hast mich so gemacht!“ Das ist zuviel. Ihr könnt sagen: „Ach, es tut mir leid, ich bin so ärgerlich auf Dich.“ Es ist nicht nötig, dass Ihr, wenn Ihr ärgerlich seid, sagt, Ihr wäret nicht ärgerlich. Ihr solltet einfach sagen: „Ich bin ärgerlich!“ Das ist genug. Zen-Geist, Anfänger-Geist, Herder Verlag, Freiburg

Shunryu Suzuki

Hintergrund

Man kann seinen Feind dazu nutzen, die eigene Bindung an die Dualismen dieser Welt zu lösen. Man denke an die eindrucksvolle Demonstration Jesu am Kreuz, wenn Er über seine Widersacher sagt: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Mit diesem Ausspruch ist die Welt zerschlagen - Gut und Böse, Opfer und Täter, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sind nicht mehr.
Um über diese Dualitäten, diese separatistische Tendenz unseres Denkens und Fühlens hinauszugelangen, ist der Feind ein starkes Mittel. Wenn man genügend Standhaftigkeit besitzt um seinen Widerstand zu nutzen, kann man die eigene Abhängigkeit von diesen Tendenzen ausmerzen.

Jedes menschliche Wesen ist absolut einzigartig. Wenn du dir die Person neben dir ansiehst, wirst du sehen, dass es nirgendwo auf der Welt einen anderen Menschen wie diese Person gibt. Es hat noch nie einen gegeben, und es wird auch nie wieder einen auf dem Planeten geben. Das ist ein absolut einzigartiges menschliches Wesen. Wenn du erkennst, dass es nur einen wie diesen gibt, ist es ein so wertvolles Gut, wie kann es dich ärgern? Bitte schau es dir an, es ist ein absolut einzigartiger Mensch, der neben dir sitzt. Drehe dich einfach um und sieh hin - die Leute, die neben dir sitzen, sind absolut einzigartige Menschen. Es gibt keinen anderen wie diesen, und es ist ein solches Wunder. Heute sitzt du neben diesem Menschen, der so wahrhaft einzigartig ist. Niemals vorher und niemals wieder wird so ein Wesen auf diesem Planeten erscheinen. Wenn du das verstehst, woher kann dann Ärger kommen? Ihr seid blind, ihr seid einfach blind für das Leben; ihr habt eure Augen nicht geöffnet und das Leben nicht betrachtet. Nur deshalb kannst du verärgert sein. Wie kann dich sonst jemand ärgern? Enlightenment, life the way it is (II), Isha Foundation, Coimbatore
Sadhguru